STILLER ABSCHIED

Trotz der erheblichen Zerstörungen in den Innenstädten konnte die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG den Verkehr auf den ländlichen Streckenteilen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg relativ schnell wieder aufnehmen – auch auf der Strecke von Witten nach Castrop.

In den ersten Nachkriegsjahren musste noch viel improvisiert werden. Deshalb kam es in dieser Zeit mehrfach und kurzfristig zu Linienwegänderungen. „Hamsterfahrten“ aus der Stadt zu den an der Strecke liegenden Bauernhöfen ließen die Fahrgastzahlen steigen.

Sobald in der Wittener Innenstadt die Durchfahrt wieder möglich war, war auch die Linie 27 wieder unterwegs – anfangs durchgehend auf der Relation Bommern Denkmal – Witten – Langendreer – Castrop-Rauxel Emschertalbahn.

Im Sommerfahrplan 1949 teilte sich die Linie 27 ihre Stammstrecke mit der zuvor in Langendreer wieder in Betrieb gegangenen Linie 22: Die Linie 27 fuhr jetzt vom Wittener Hauptbahnhof zum Bahnhof Langendreer-Nord. Die Linie 22 verband den Alten Bahnhof in Langendreer (Kaisersteg) mit der Endstelle in Castrop-Rauxel.

SCHLECHTER ZUSTAND

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich die Wittener Straße in einem vergleichsweise schlechten Zustand. Das Straßenpflaster war an vielen Stellen uneben. Auch die Einpflasterung der Straßenbahngleise war an vielen Stellen schadhaft. Hinzu kam der steigende Individualverkehr, für den Anfang 1939 mit einem aufgemalten Mittelstreifen zwei Fahrspuren geschaffen wurden (Foto Bruno Klepinski – Stadtarchiv Castrop-Rauxel).

Der Krieg verhinderte einen nachhaltigen Unterhalt die Straße. All dies trug dazu bei, dass Anfang der 1950er-Jahre nach der damaligen Einschätzung der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG ein langfristiger Fortbestand der Straßenbahnverbindung aufgrund des schlechten Zustands der Gleise und der Oberleitung und des absehbaren Erneuerungsbedarfs nicht mehr wirtschaftlich war. Dies insbesondere im Vergleich zu den Anschaffungs- und Betriebskosten von Omnibussen.

UNERWARTET SCHNELLE EINSTELLUNG

Relativ unerwartet wurde die Straßenbahnlinie 22 deshalb zwischen der Emschertalbahn in Castrop-Rauxel und Langendreer stillgelegt. Die ersten Probe- und Schulungsfahrten mit Omnibussen wurden am 29. Mai 1951 durchgeführt. Die Bevölkerung wurde über die bevorstehende Einstellung des Straßenbahnverkehrs nur mit einer kurzen Notiz in der Lokalausgabe der „Ruhr Nachrichten“ vom 30. Mai 1951 informiert:

Bereits zwei Tage später, am 31. Mai 1951 wurde die Linie 22 stillgelegt. Das im Mai 1951 von Günther Karkoska aufgenommene Beitragsbild dieses Kapitels entstand vermutlich kurz vor dem Abschied am Castroper Marktplatz (Sammlung Stadtarchiv Castrop-Rauxel).

Die Bevölkerung weinte der Bahn keine Träne nach. Im Gegenteil: Die modernen Omnibusse wurden von der Lokalredation der Tageszeitung mit einem Gedicht auf der Titelseite des Lokalteils der Ausgabe vom 1. Juni 1951 begeistert begrüßt:

Gleichwohl: Mit den Konsequenzen der Einstellung der Straßenbahn waren die einige Bürger in Castrop-Rauxel unzufrieden. Denn jetzt fuhren Straßenbahn und Omnibusse im Parallelverkehr durch das Stadtzentrum – und das gleich mit mehreren Haltestellen.

Bereits in den ersten Tagen führte die Führung der Omnibusse in der engen Münsterstraße zu Verkehrsstörungen. Als Alternative schlug ein besorgter Leserbrief-Autor in den „Ruhr Nachrichten“ eine Umleitung der Busse von der Wittener Straße über die Dortmunder- und Thomasstraße vor.

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Wenn Sie sich für den Bochumer und Wittener Abschnitt der Linien 22 und 27 interessieren, besuchen Sie bitte meine Website „Zwischen Ruhr und Emscher“.